Ein ganz normales Geschäft

 

Paul verließ grimmig das große Autohaus. Auch hier hatte er sich anhören müssen, dass sein schöner Wagen unverkäuflich wäre, eben kein gängiges Modell. Das durfte doch nicht wahr sein. Der tolle Schlitten sah aus wie neu. Paul verbrachte viel Zeit damit, ihn so tadellos zu pflegen. Laut Katalog sollte der Wagen noch elf Mille bringen. Doch niemand zeigte Interesse. Auf seine vielen Inserate in den verschiedensten Zeitungen kam kein einziger Anruf. Er ließ aus Verzweiflung sogar einmal den Schlüssel stecken. Doch selbst die Diebe ließen die Finger von der ungeliebten Karre. Dabei gab es Autos, die wurden einem direkt aus der Hand gerissen. Welche wilde Hummel hatte ihn bloß gestochen, ausgerechnet diese Automarke zu kaufen?

Er brauchte das Geld wirklich dringend. Seine tollen Pläne entwickelten sich leider regelmäßig zu genau so tollen Pleiten. Und jetzt saß er so tief in der Tinte wie noch nie.

Paul fuhr langsam die Straße entlang. Trotzdem übersah er fast das verwitterte Holzschild an dem altersschwachen Tor ‚Fritzes Autohof'. Er wagte sich hinein. Da standen drei müde Rostlauben. Das einzig vernünftige Auto gehörte wohl dem Besitzer der Klitsche.

Ein Mann kam ihm entgegen, sicher Fritz, der Eigentümer dieses zweitklassigen Autohofs. Er wischte sich die Finger an einem schmutzigen Lappen ab. Er mochte gleich alt sein wie Paul - so um die fünfzig. - Aber rundlicher und schon allein deswegen auch besser gelaunt. Geduldig hörte er sich Pauls Geschichte an. Dann winkte er ihn in seine Bretterbude. „Komm Kumpel,trinken wir erst einmal ein Bier."

Fritz überlegte und sagte vorsichtig: „Ich wüsste 'ne Möglichkeit. Aber das vermittel ich, nur, wenn du dich nicht pingelig anstellst und die Klappe hältst. Ich kenne nämlich einen supercoolen Typ. - Der rückt die schwierigsten Sachen gerade. - Aber damit du klar siehst. Ich halte mich aus solchen Geschäften raus."

Paul gab ihm sein Wort und seine Telefonnummer.

Ein paar Tage später rief der supercoole.Typ an. „Ich habe gehört, Ihr Auto macht Ihnen Probleme?"

Paul konnte das nur bestätigen.

Die Stimme des Mannes klang kühl und geschaftsmässig. „Gut - treffen wir uns heute Abend acht Uhr, Hauptbahnhof im Wartesaal 1.Klasse. Sie erkennen mich an meiner gelben Krawatte und dem Abendblatt auf dem Tisch."

Der Typ sah aus wie ein Manager auf Geschäftsreise, korrekt gekleidet und mit einem kleinen Koffer. Er zeigte auf einen Stuhl an seiner Seite. „Was halten Sie von gebackenem Camenbert? Den machen sie hier exzellent. Dazu ein Bier?"

Sie aßen mit Genuss. Der Mann wischte sich mit der Serviette über den Mund. „Und nun zum Geschäft. Wie kann man sich nur so einen ausgefallenen Wagen anschaffen. Kein Wunder, dass Sie ihn nicht los werden."

Paul reagierte ärgerlich. „Was soll das Gerede? Wollen Sie ihn kaufen?"

„Bewahre, ich fahre ein beliebtes Modell. - Seien Sie doch ehrlich. Ihre Karre gehört auf den Schrott."

Paul fehlten die Worte. Was wollte der Kerl? Ihm hundert Mark in die Hand drücken?

Der nachgemachte Manager sagte von oben herab: „Nun regen Sie sich bloß nicht gleich auf. Unsere Firma arbeitet ausgesprochen zuverlässig und korrekt. - Geben Sie mir Ihre Autoschlüssel. Sie haben doch noch welche in Reserve?" Paul nickte ergeben. „Gut, parken Sie den Wagen heute Abend auffällig in der Nähe Ihrer Wohnung. Warten Sie ab. - Wenn Sie diese Schlüssel in Ihrem Briefkasten finden, melden Sie den Wagen als gestohlen! Das ist alles. - Übrigens, sobald die Versicherung gezahlt hat, bekomme ich drei Mille."

Paul konnte sein Glück kaum fassen. Er war in der Lage, seine Schulden zu bezahlen. Und trotzdem blieb immer noch eine schöne Summe übrig.

Der supercoole Typ winkte dem Kellner und bezahlte die Rechnung. Paul stellte das Auto genau vor der nahen Polizeiwache ab. Das schien ihm auffällig genug. Am nächsten Mittag stand dort ein fremdes Auto. Abends fand er die Auto- schlüssel in seinem Briefkasten. Paul meldete den Diebstahl. Es vergingen Wochen bis die Versicherung endlich die Kohle raustat.

Nur einen Tag später rief der supercoole Typ an: „Jetzt sind Sie an der Reihe. Heute Abend, gleiche Zeit, gleicher Ort."

Als Paul das Restaurant betrat, saß der gut gekleidete Geschäftsmann vor einem üppigen Mahl. Paul bestellte sich nur ein Bier. Nach dem Essen streckte der Mann die Hand aus. Paul holte den Umschlag mit dem Geld aus der Tasche. Ohne nachzuzählen verstaute der Mann die Kohle. Kalt sagte er: „In Ihrem Interesse hoffe ich, dass die Summe stimmt. Noch existieren die Nummernschilder. Und bei einer Schrottpresse liegt ein kleines Paket aus Metall, das einmal Ihr Auto war. Sollten wir nicht zufrieden sein, gibt es eine Anzeige wegen Versicherungsbetrug. Ich muss ja wohl nicht deutlicher werden?"

Dieses Mal ging der Managertyp ohne zu bezahlen.

 

Gisela Seeger-Ays